FC Bayern – Darmstadt 98

Milde Maitemperaturen lähmen Münchner Stürmer

Normalerweise ist der Mai für den FC Bayern der Monat, in dem die wichtigen Entscheidungen zum Saisonende anstehen: Meisterschaft, Champions-League, Pokalfinale. Wie gesagt normalerweise. Diesmal allerdings können es die Münchener relativ entspannt angehen lassen. Der wichtigste und aussagekräftigste Titel „Deutscher Meister“ wurde bereits in der letzten Aprilwoche mit einem furiosen 6:0 in Wolfsburg gesichert. Dass die Bayern gegen Real Madrid aus dem europäischen Wettbewerb ausschieden, kann man unter den gegebenen Umständen als „unglücklich“ abhaken. Die Heimniederlage gegen Dortmund im Pokalspiel war dagegen vermeidbar. Ja, zu leichtfertig wurde das Spiel aus der Hand gegeben. Ärgern erlaubt. Was bleibt also, als sich mit Charakter aus dieser Saison zu verabschieden und in den letzten drei Spielen nochmals den Fans ihr ganzes Können zu zeigen.

Da kam – so die allgemeine Annahme – Darmstadt 98 gerade recht. Die Hessen, denen nur ein Sieg bei den Bayern rechnerisch die minimale Chance auf den Verbleib in der Liga erhalten hätte, gingen zwar aus den letzten drei Spielen unerwartet als Sieger hervor, in München aber sollte Schluss sein mit allen Spekulationen. Alles andere als eine deftige Niederlage wäre schon eine große Überraschung gewesen.

So waren alle Fans im vollbesetzten Red-Baroons-Bus gespannt, ob die Bayern an diesem ersten frühlingshaften Maitag ihre Gäste aus Darmstadt aus dem Stadion schießen oder aber angesichts der milden Temperaturen doch eher lustlos ihr Pflichtprogramm abspielen würden. Ersteres erwartete offensichtlich die Mehrzahl der Fans im Bus, denn ihre Tipps lagen reihenweise bei 4:0, 5:0, ja sogar 8:0. Und gespannt waren alle auch, wie Trainer Ancelotti aufstellen würde. Angesichts des prestigeträchtigen Auswärtsspiels in Leipzig in einer Woche war anzunehmen, dass Spieler geschont werden. Es verwunderte also nicht, dass einige Reservisten – wenn man sie so nennen darf – zum Einsatz kamen. Und – welche zusätzliche Überraschung – im Tor stand nicht Neuer-Vertreter Sven Ulreich, sondern Bayerns dritter Keeper: Torhüter-Phänomen Tom Starke. Er holte, seit er beim FC Bayern spielt, mit nur acht Pflichtspieleinsätzen sage und schreibe 13 Titel! Spieler wie Lahm, Thiago, Martínez, Alonso, Vidal oder Hummels fanden sich dagegen auf der Bank wieder.

Das Spiel begann trotzdem wie gewohnt. Bayern spielte, Darmstadt verteidigte. Eine wirkliche Spannung wollte bei dieser Überlegenheit der Münchner in der ersten Halbzeit nicht aufkommen, denn zu harmlos wirkten die Gäste. Und die Bayern: Sie versuchten es. Viel Ballbesitz, weite Pässe, ansatzweise gute Ideen. Nach einer feinen Einzelleistung gelang Juan Bernat in der 18. Minute das 1:0. Im Grunde hätte das der Auftakt zu einem Schützenfest sein können. Hätte … In der Folge aber zeigte sich immer deutlicher, dass das heute nicht der Tag der Bayernstürmer werden sollte. Obwohl Franck Ribery wie gewohnt durch die gegnerischen Reihen wirbelte, kam am Ende wenig Zählbares dabei heraus. Und leider fand er auch an diesem Tag in seinen beiden Spielerkollegen Thomas Müller und Robert Lewandowski wenig Unterstützung. Manches war schön anzuschauen, aber wie in den vielen Partien zuvor schon, wurden die Chancen reihenweise vergeben, vertändelt, verstolpert. Und die Darmstädter? Torsten Frings, Trainer der Lilien, wird später seiner Mannschaft einen „tollen Charakter“, eine „starke Leistung“ bestätigen und fügte an: Mit etwas Glück „hätte man hier einen Punkt mitnehmen können“.

Ja, kann man so sehen, denn die völlig unnötige und ungeschickte Abwehraktion von Juan Bernat gegen Sven Schipplock fünf Minuten vor Schluss brachte den Gästen doch tatsächlich einen Elfmeter ein. Aber Tom Starke machte seinem Namen alle Ehre. Er parierte den Elfer von Hamit Altintop und dazu noch den einen oder anderen Fernschuss glänzend.

Was über 75 Minuten wie ein Trainingsspiel aussah, mit einer Darmstädter Mannschaft, die wenig entgegenzusetzen hatte, wurde am Schluss noch zu einer Zitterpartie. Dabei zeigte sich schon während der ganzen zweiten Halbzeit, dass die Bayern ihr Klein-Klein-Spiel übertrieben und so die Darmstädter ein ums andere Mal leichtes Spiel hatten und selbst Kontergelegenheit fanden. Es waren vor allem die jungen Wilden im Bayern-Team, die so gar nicht zu ihrem Spiel fanden. Sie waren jung, sie spielten „wild“. Zu wild manchmal. Wie ein Irrwisch fegte Renato Sanches des Öfteren über den Platz, um sich nach so manchem Dribbling festzurennen oder den Ball irgendwo hin zu spielen, nur nicht zum eigenen Mitspieler. Ähnlich wenig kam von Douglas Costa, gute Flanken oder überraschende Ideen waren auch bei ihm Mangelware.

So blieb das Fazit der 75.000 im ausverkauften Stadion: Ein nettes Spielchen, wenig Spannung bei zu wenigen Toren. Und die Meisten trösteten sich mit dem wunderschönen Frühlingswetter und der Erkenntnis: „Hauptsache gewonnen“. In Leipzig wird diese Spielweise sicher nicht reichen, aber da wird man auch die „anderen“ Bayern sehen, wie man sie über 95% der Saison kennt: sieg- und erfolgreich.

Mit diesem Wissen war auch die Stimmung im Bus auf der Heimreise bestens und so wirklich unzufrieden schien keiner.

 

Es ist halt immer wieder etwas Besonderes, mit den Red Baroons unterwegs zu sein.

Herzlichen Dank an alle „Macher“ vor und hinter den Kulissen.

Herbert Mayer